Zu emotional?

Oft wird Frauen pauschal und auch ganz persönlich vorgeworfen, sie seien zu emotional. Zu laut, zu intensiv, zu viel. Und gar nicht mal so wenige fühlen sich von diesem Urteil so beschämt – weil nicht sein darf, was aber ist –, dass sie sich zurückziehen, die Dinge mit sich selbst ausmachen, runterschlucken, diesmal einfach nichts dazu sagen, sich kontrollieren. Natürlich – jemanden anderen verletzen, das mag ja niemand. In solchen Momenten rutschen solch ungel(i)ebte Gefühle in den Rucksack mit all den anderen und werden zu einem Emotionenpaket, das immer schwerer wird. Fatalerweise braucht es dann nur immer kleinere Auslöser, um nun doch (und oft viel stärker) heraus zu schwappen. Denn an manchen Tagen. Mit manchen Menschen. In manchen Situationen. Da wird es einfach schnell mal emotional. Aber warum, um Himmels willen? Die Gründe dafür, die eine emotionale Ladung im konkreten Fall auslösen, sind natürlich sehr verschieden. Welche Geschichten, Hintergründe, Erfahrungen mit hinein spielen, ist ja sehr individuell. Ich will in diesem Artikel beschreiben, was dazu führen kann, dass starke Emotionen ausgelöst werden – und was dir auf deinem Weg helfen kann, selbstbewusst mit deinen Gefühlen zu sein, sie als das zu nehmen, was sie sind, für sie Verantwortung zu übernehmen und gefühlskompetent zu werden.


Gefühle haben ihre Aufgabe

Die wichtigeste Sache vorne weg: Gefühle sind einfach Gefühle. Punkt. Weder gut noch schlecht. Es sind innere Empfindungen und jedes erfüllt tatsächlich eine Aufgabe. Wenn sie keinen Sinn hätten, würden sie in uns Menschen nicht existieren. Wir brauchen die verschiedenen Gefühle, um angemessen mit verschiedenen Situationen umzugehen. Die Autorin und Expertin für emotionale Kompetenz Vivian Dittmar sagt, dass all unsere vielschichtigen Gefühle auf fünf Basis-Gefühle zurück zu führen sind, die so weise sind, dass sie uns durch Erlebnisse und Erfahrungen hindurch helfen.

Seit ich dieses Prinzip vollends verstanden und verinnerlicht habe, liebe ich jedes einzelne meiner Gefühle und lade sie direkt ein, weil ich sie fühlen will, um zu erkennen, was sie mir zu sagen haben – die Freude, die Traurigkeit, auch die Angst, die Scham und ja, auch die Wut. Ich sage nicht, dass das leicht ist, ich sage, dass es richtig, gut und gesund ist. Denn auch die unangenehmen Gefühle haben eine sinnvolle, gute Kraft, die uns helfen kann, ohne zu zerstören oder blockieren – eine negative Wertung bestimmter Gefühle ist gesellschaftlich so konnotiert und mit einem “weiblichen” Stempel versehen worden. Alles, was unsere Gefühle wollen und was es braucht ist: gefühlt zu werden. Sie sind der Schlüssel, der uns das Tor zu uns selbst öffnet. Hier habe ich auch über den Mut zur Ehrlichkeit geschrieben.

Gründe, "zu emotional" zu werden

Und tatsächlich gibt es nun auch bestimmte Faktoren, die es begünstigen, dass sich Emotionen in ihrer vollen Wucht und von ihrer unliebsamen Schattenseite zeigen.

Die Situation als "falsch" interpretieren

Das, was wir denken und das, was wir fühlen ist eng miteinander verknüpft. Manchmal wird es vermischt, miteinander verwechselt, doch jedem echten Gefühl geht – wie Vivian Dittmar es lehrt – ein jeweils bestimmter Gedanke voraus, der es bedingt. Wenn wir wütend werden, haben wir vorher ziemlich sicher eine Situation im Außen, ein Erlebnis, etwas, das jemand gesagt oder gemacht hat, als "falsch" bewertet. 

Ein oder mehrere eigene Bedürfnisse sind unerfüllt

Wer sich auch intensiv mit dem Ausdruck von Gefühlen befasst hat, war Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation. Für ihn ist ein Gefühl Ausdruck eines erfüllten oder unerfüllten Bedürfnisses. In dem Moment also, in dem du etwas als "falsch" bewertest, Wut auftaucht und du es zulässt, sie zu fühlen, wird es möglich mit der Frage “Was brauche ich denn jetzt?” in dich hinein zu horchen, um deine Antwort zu erhalten.

Angesammelte (alte) Emotionen ohne Ausdruck

Herausfordernd und gar nicht so selten ist, wenn etwas nicht einfach deine ehrliche Wut aus dem Moment entfacht, sondern, wenn dieser Auslöser deinen gesamten emotionalen Rucksack vergangener Erfahrungen mit aufmacht. Obwohl das in dieser Gesamtheit gar nicht hier in diesen Moment gehört. Diese Situation, dieses aktuelle Erlebnis hat etwas in dir berührt, das dein System an eine oder viele frühere Erfahrungen erinnert und deshalb die Chance nützt, endlich gefühlt werden zu dürfen. So eine emotionale Ladung ist meist nicht nur für das Gegenüber, sondern auch für eine selbst überraschend, überfordernd und schwer zu bändigen. Ich schreibe weiter unten noch, was du in so einem Moment machen kannst.

Lieber Wut statt Trauer, Angst, Freude oder Scham zeigen

Je nachdem, was wir im Leben irgendwann mal gelernt haben über unsere Gefühle, kann es sein, dass wir manche davon besser kennen, ihnen näher sind, und zu Anderen kaum einen Zugang haben. Mitunter kommt es vor, dass sich ein Gefühl anstelle eines anderen zeigt, das dir in der Situation eigentlich eher helfen könnte. Bist du gerade wirklich wütend? Oder macht dich etwas traurig? Fühlst du dich eigentlich beschämt? Macht dir etwas Angst?

Die Kraft des Gefühls nicht zu nützen wissen

Wie ich oben schon erwähnte, haben Gefühle eine Kraftseite und eine – oftmals bekanntere – Schattenseite. Dadurch dass diese Vielschichtigkeit den wenigsten Menschen in unserer Gesellschaft bewusst ist, bleibt ein Gefühlsausdruck oft auch eindimensional und so, wie eine gelernt hat, dass er gezeigt werden darf. Um auch diesen wieder zu zähmen...

5 Faktoren, die gefühlskompetent machen

Lass uns die Perspektive mal umdrehen und jetzt herausfinden, was es umgekehrt heißt, wahrlich gefühlskompetent zu sein.

1. Sich seiner Gedanken und Wertungen bewusst sein

Wenn dir bewusst ist, dass deine Gedanken und Gefühle miteinander in Beziehung stehen und das Eine das Andere bedingt, kannst du dich im Moment starker Emotion fragen, was du über diese aktuelle Situation denn genau denkst: Ist es falsch so? Ist es wirklich schade? Ist es furchtbar? Kann es sein, dass es womöglich sogar richtig ist? Glaubst du, deshalb selber falsch zu sein? – Wie bewertest du, was hier passiert? Deine Gedanken gehen deinem Gefühl voraus.

2. Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse übernehmen

Wenn man die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg als Modell verwendet, um sich persönlich weiterzuentwickeln, hält sie einige sehr wesentliche Teachings bereit. Eines davon ist, die Idee aufzugeben, dein Gegenüber wäre für deine Bedürfnisse verantwortlich. Das ist er oder sie nicht. Nicht mal dein Partner oder deine Partnerin. Dein Kind sicher nicht. Deine Eltern auch nicht mehr. Die einzige Person, die für die Erfüllung deiner Bedürfnisse verantwortlich ist, bist Du. (Read that again.)

3. Gefühle fühlen, wenn sie kommen

Es ist ein wundersames, intensives und bereicherndes Geschenk unserer Natur, dass wir Menschen solch empfindsame Wesen sind. Ja, unsere Reflexionsfähigkeit, das strukturierte Denken, unsere rationale Sachlichkeit sind ebensolche Geschenke. Selbst wenn es anfangs intensiv wirkt, Gefühle erstmals wirklich zu fühlen (vor allem, wenn sie lange im Emotionen-Rucksack verstaut waren). Sie sind freundliche, dir wohlgesonnene Erscheinungen: heiße ihre Wildheit willkommen (in einem sicheren Rahmen). Lass sie dich erfassen, durchströmen – und dir ein Lernfeld sein, präsent zu bleiben, mit dem, was ist. In dir. In der Welt. Sie gehen wieder, wenn ihre Aufgabe erfüllt ist.

4. Das adäquate Gefühl zulassen und ausdrücken

Wünscht du dir manchmal, dich authentisch zu fühlen und auszudrücken? Und fragst dich, wie dir das gelingen soll? Nun, ein wichtiger Schritt kann dabei sein, zu erkennen, in welchen Momenten du Stellvertreter-Gefühle, wie ich sie oben beschrieben habe, erzeugst (etwa durch modifizierte Gedanken, wie “Das ist eh alles richtig so”, obwohl das, was da vor dir liegt, richtig richtig falsch ist). Das adäquate Gefühl zuzulassen und authentisch auszudrücken bedeutet, anzuerkennen, was wahrlich ist, ohne es zu überlagern. Hier habe ich auch darüber geschrieben, was es heißt, sich selber treu zu sein, um ein authentisches und integeren Leben zu führen.

5. Die Urkraft des Gefühls kennen und nützen

Truthbomb. Kannst du dir vorstellen, dass es eine Kraft der Wut gibt? Du bist nicht falsch, wenn du “zu emotional” wirst. Du darfst als Frau deine aktive, bestimmte Kraft des Wütend-seins zeigen – ja manchmal lohnt es sich, für Dinge laut zu werden (“laut” auch im Sinne von hörbar, wirksam, bestimmt, direkt). Denn die Wut steht für die Kraft der Klarheit. Um Grenzen zu setzen, Dinge zu differenzieren, etwas loszulassen – für alles, was den klaren Schnitt eines kraftvollen Schwertes braucht. Kennst du deine Kriegerinnen-Kraft schon?

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Du kennst jetzt die wesentlichen Faktoren, um zu verstehen, woran es liegt “zu emotional” zu werden und was es bedeutet gefühlskompetent zu werden. Und jetzt: Kopf aus. Lass den Perfektionismus. Sei milde mit dir – etwas zu wissen und theoretisch zu verstehen, heißt noch nicht, dass es so einfach lebbar ist. Wir sind alle Lernende. Lass uns gemeinsam auf diese Forschungsreise nach Innen gehen, um ein wundervolles, erfüllendes Leben im Außen zu erschaffen.

Die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt und braucht immer wieder Zwischenpausen zum Auftanken. Wenn dir gerade alles zu viel ist und du dir wünscht, den Fokus mehr auf das zu legen, was dir gut tut. Wenn du mehr bei dir ankommen magst und Kraft aus dir selbst schöpfen, hör dir jetzt direkt meine Qualitätszeit-Meditation an. Danach bist du neu ausgerichtet für den Tag.

Über die Autorin

Mag.a Anna Kromer ist Female Life Coach & Dipl. Psychologische Beraterin. Als Innenwelt-Forscherin unterstützt sie Frauen mit scharfem Geist, Intuition und Humor dabei, eine kraftvolle und klare innere Haltung zu entwickeln, um sich selbst treu zu sein. Frei von sozialisierten Blockaden. Für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben – im wertschätzenden Miteinander.

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